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"Kunst selbst sehen – Ein Fragenbuch" von Angeli Janhsen

Irgendwie bin ich auf dieses Buch gestoßen und habe es mir zum Advent selbst geschenkt: „Kunst selbst sehen - Ein Fragenbuch“ von Angeli Janhsen (AJ), erschienen im modo Verlag, Freiburg.

Ich vermute schon jetzt, dass mich dieses Buch lange Zeit und immer wieder begleiten wird – und auch nicht nur in Kunst-Kontexten. Das ist ein sehr, sehr anregendes Buch, was ich Euch gern vorstellen möchte.

Das Buch gibt ein paar Antworten, aber vor allem stellt es Fragen und regt dazu an, sich selbst weitere Fragen zu stellen und eigene Antworten zu finden. Fragebücher sind ja gerade sehr aktuell. Wie AJ selbst schreibt, geht es meistens darum, den/die LeserIn zu Selbstklärung und Selbstverwirklichung anzuregen. Sie hingegen möchte uns Fragen stellen, um Kunst besser zu verstehen. Und gleichzeitig wird an der Stelle klar, dass sich Kunst ohne eine Art von Selbstbewusstsein nicht wahrnehmen lässt. Sie fordert uns auf, alles zu hinterfragen und stellt dabei aber auch das Fragenstellen selbst in Frage. Denn auch Fragen können übergriffig, beleidigend oder nicht konstruktiv wirken. Aber für all diese Aspekte bleibt die Verantwortung bei uns. Wir selbst sollen entscheiden, auf welche Fragen wir uns einlassen, wie wir sie nutzen, was wir damit machen wollen.

Aufhänger für das Buch sind für AJ Museen und Ausstellungen, in denen die BesucherInnen mit Audioguides die kunstbehangenen Wände „geistlos abschleichen“, wie sie sagt. Audioguides machen unfrei und besetzen die Aufmerksamkeit der Leute, die sich nur noch auf die Stimme aus dem Kopfhörer konzentrieren, aber nicht mehr wirklich wahrnehmen, was sie sehen. Alle traben die gleiche vorgegebene Route durch die Ausstellung ab, alle bekommen die gleichen Informationen und Interpretationen. Das fördert Autoritätsgläubigkeit und verhindert das eigene bewusste Sehen.

Stattdessen haut sie uns sehr vielfältige Fragen um die Ohren. Sie fragt mich z. B., warum ich hier in dieser Ausstellung, in diesem Museum bin. Ob ich freiwillig da bin. Was ich selbst herausfinde. Oder ob ich Hilfe nötig habe. Ob ich lieber etwas sehe, was ich schon kenne oder lieber etwas ganz Neues.

Je mehr Fragen ich lese, desto mehr fühle ich mich dazu aufgefordert, weniger auf Stimmen und Meinungen von außen zu vertrauen, sondern vor allem zuerst einmal meiner eigenen Stimme zuzuhören und zu vertrauen. Um diese Stimme kennenzulernen, auszuloten und zu erforschen, fängt man am besten mit einer Beschreibung an.

Dazu habe ich selbst einmal ein Schlüsselerlebnis gehabt. Einer meiner Dozenten fragte mich zu meiner Meinung über ein Bild in einer Ausstellung. Und ich fühlte mich wahnsinnig unter Druck gesetzt, jetzt irgendetwas sehr Kluges und Eloquentes sagen zu müssen. Er hat mich dann aufgefordert, einfach zu beschreiben, was ich sehe. Das war nicht schwer, und davon ausgehend kamen dann weiterführende Gedanken ganz von allein. Diese Lektion habe ich mir gemerkt. Wenn ich beschreibe, muss ich mir bewusst machen, was ich da eigentlich sehe, und ich muss es in die passenden Worte kleiden. Dieser Prozess ist bereits mit sehr viel Bewusstmachung verbunden. Angeli Janhsen sagt: „Wer beschreiben will, muss sehen“.

Die Auseinandersetzung mit Kunst führt aber weiter. AJ: „Wer Kunst sieht, muss solche Grundsatzfragen klären. Was „Kunst“ ist, versteht nur jemand, der fragt, was „Leben“ ist“. Gleichzeitig ist es aber in keinster Weise erforderlich, sich überhaupt mit Kunst auseinanderzusetzen. AJ: „Neue Kunst interessiert sich für Wirklichkeit. Wenn Sie sich für Wirklichkeit interessieren, sind Sie im Trend“.

An keiner Stelle gibt es im Buch einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit, auch Kunst kann nicht allgemeingültig definiert werden. Es gibt nur jeweilige Argumente. „Was sind hier Ihre?“

Das Buch fordert mich zur Eigenverantwortung auf. Gleichzeitig gibt es mir mit den Fragen hilfreiche Ansätze, die ich gern nutze, um meine Gedanken zu Fragen zu klären, auf die ich bislang selbst noch nicht gekommen bin. Mein Mann fühlte sich durch die Fragen bevormundet und gegängelt. Das ist auch ok. Für mich sind sie Katalysatoren, die meinen Kopf ent-wickeln (im wahrsten Sinne des Wortes).

Die nächste Ausstellung werde ich also nicht geistlos abschleichen, sondern mir lieber für wenige Bilder viel Zeit nehmen. Und ein, zwei Fragen von Angeli Janhsen werden mich mit Sicherheit zu neuen Gedanken bringen, die ich vorher noch nicht hatte. Dann bin ich wieder einen Schritt weiter. Schön.

 

Somehow I came across this book and gave it to myself for Advent: "Kunst selbst sehen - Ein Fragenbuch" by Angeli Janhsen (AJ), published by modo Verlag, Freiburg.
I already suspect that this book will accompany me for a long time and again - and not only in art contexts either. It is a very, very stimulating book that I would like to introduce to you.

The book gives a few answers, but above all it asks questions and encourages you to ask yourself more questions and find your own answers. Question books are very topical at the moment. As AJ herself writes, it is mostly about encouraging the reader to self-enlightenment and self-realisation. She, on the other hand, wants to ask us questions in order to understand art better. And at the same time, it becomes clear at this point that art cannot be perceived without a kind of self-awareness. She asks us to question everything, but in doing so, she also questions the asking of questions itself. Because questions can also be assaultive, offensive or not constructive. But for all these aspects, the responsibility remains with us. We ourselves should decide which questions we get involved with, how we use them, what we want to do with them.

For AJ, the starting point for the book are museums and exhibitions where visitors use audio guides to "mindlessly skulk" the art-covered walls, as she says. Audio guides disengage and occupy people's attention, making them focus only on the voice coming out of the headphones but not really notice what they are seeing. Everyone trots out the same predetermined route through the exhibition, everyone gets the same information and interpretations. This encourages a belief in authority and prevents our own conscious seeing.
Instead, she throws a wide variety of questions at us. She asks me, for example, why I am here in this exhibition, in this museum. Whether I am here voluntarily. What I can find out for myself. Or whether I need help. Whether I prefer to see something I already know or something completely new.

The more questions I read, the more I feel challenged to trust less in outside voices and opinions, but first and foremost to listen to and trust my own voice. To get to know, sound out and explore this voice, it is best to start with a description.

I once had a key experience of this myself. One of my teachers asked me about my opinion of a painting in an exhibition. And I felt insanely pressured to say something very clever and eloquent now. He then asked me to simply describe what I was seeing. That wasn't difficult, and from there further thoughts came all by themselves. I have remembered this lesson. When I describe, I have to be aware of what I am actually seeing and I have to put it into the right words. This process already involves a lot of awareness-raising. Angeli Janhsen says: "If you want to describe, you have to see".

But the confrontation with art leads further. AJ: "Whoever sees art must clarify such fundamental questions. What 'art' is, is only understood by someone who asks what 'life' is". At the same time, it is in no way necessary to deal with art at all. AJ: "New art is interested in reality. If you are interested in reality, you are in the trend".

At no point in the book is there a claim to universal validity, nor can art be defined in a universal way. There are only respective arguments. "What are yours here?"

The book challenges me to take personal responsibility. At the same time, it gives me helpful approaches with the questions, which I like to use to clarify my thoughts on questions that I have not yet come up with myself. My husband felt patronised and bullied by the questions. That's okay too. For me, they are catalysts that unwind my mind (in the truest sense of the word).
So I won't mindlessly skulk the next exhibition, but rather take a lot of time for only a few pictures. And one or two questions from Angeli Janhsen will certainly bring me to new thoughts that I haven't had before. Then I'll be one step further again. Fine!

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